Die angelsächsischen Stickereien, die heute in Maaseik aufbewahrt werden und mit brettchengewebten Bändern verziert sind, wurden lange Zeit den Schwestern Harlindis und Relindis zugeschrieben. Die beiden Schwestern gründeten das Kloster Aldeneik, und so entstand die Vorstellung, dass die Stickereien von ihnen selbst angefertigt worden seien. Die erhaltenen Stickereien werden einem Messgewand zugeordnet.

Heute geht man davon aus, dass die broschierten Bänder ursprünglich in Angelsachsen hergestellt und erst später auf das europäische Festland gelangt sind. Die Bänder wurden vermutlich eigens als Verzierung für die Stickereien angefertigt und anschließend in das Gewand eingearbeitet.

Das Originalband ist etwa 1,2 cm breit. Es wurde mit insgesamt 27 Brettchen gewebt: 15 Brettchen bilden den Musterbereich, an jeder Seite befinden sich sechs Randbrettchen. Alle Brettchen sind mit jeweils vier Fäden bezogen. Im Musterbereich sind dies jeweils zwei rote und zwei beige Fäden.

Als Kettmaterial wurden rote Seide und beige Seide beziehungsweise Leinen verwendet. Der Broschierfaden besteht aus Goldlahn. Durch die unterschiedlich gefärbten Kettfäden entsteht bereits ein Muster in der Köpertechnik, das zusätzlich durch die Goldbroschierung verziert wird. Das Band vereint somit zwei Techniken: die Köpertechnik und die Broschiertechnik. Der Aufzug der Brettchen wechselt dabei zwischen S- und Z-Richtung.

Die technischen Angaben und die Musteranleitung für meine ersten Rekonstruktionen stammen aus Nancy Spies’ Buch Ecclesiastical Pomp & Aristocratic Circumstance. Inzwischen hatte ich außerdem die Gelegenheit, die originale Borte selbst in Maaseik zu sehen. Das hat mir geholfen, die Angaben aus der Literatur mit dem tatsächlich erhaltenen Stück vergleichen zu können.

Meine Rekonstruktionen

Im Laufe der Zeit habe ich drei verschiedene Versionen dieser Borte gewebt. Die ersten beiden Rekonstruktionen waren für mich vor allem Versuche, die unterschiedlichen technischen Aspekte des Originals nachzuvollziehen. Bei der dritten Version habe ich mich wieder stärker an den technischen Merkmalen des Originals orientiert. Sie entstand 2018 und gefällt mir von den drei Versionen heute am besten.

Version 1

Bei meiner ersten Rekonstruktion entspricht der Musterbereich dem des Originals. Allerdings verwendete ich an jeder Seite nur fünf statt sechs Randbrettchen.

Für die Kette verwendete ich einfarbige Schappseide. Dadurch entstand das Muster nicht bereits durch die unterschiedlich gefärbten Kettfäden, sondern ausschließlich durch den Broschierfaden. Auch für den Schuss verwendete ich Schappseide. Als Broschierfaden kam Realseide zum Einsatz.

Diese Version ist deshalb technisch deutlich vom Original abweichend: Sie ist ausschließlich broschiert und nicht zusätzlich in der Köpertechnik ausgeführt. Die Borte ist etwa 1,9 cm breit.

Version 2

Auch bei der zweiten Version blieb der Musterbereich unverändert, und ich verwendete an jeder Seite fünf Randbrettchen.

Für die Kette verwendete ich gelbes und grünes Leinengarn, für den Schuss ebenfalls Leinen. Durch die unterschiedlich gefärbten Kettfäden entsteht das Muster hier durch die Köpertechnik. Auf eine Broschierung verzichtete ich vollständig.

Die Borte ist etwa 2,1 cm breit und hat nur in den Motiven eine Ähnlichkeit mit dem Fund.

Version 3

Die dritte und bislang letzte Version entstand 2018. Sie orientiert sich wieder stärker an den technischen Merkmalen des Originals und ist gleichzeitig die Version, die mir persönlich am besten gefällt.

Ich verwendete erneut 27 Brettchen: 15 Brettchen für den Musterbereich und jeweils sechs Randbrettchen an den beiden Seiten. Für die Kette verwendete ich rote und gelbe Seide. Als Broschierfaden kam Goldlahn zum Einsatz, den ich in dieser Version doppelt nahm.

Die rekonstruierte Borte ist mit 1,5 cm etwas breiter als das Original, das etwa 1,2 cm misst.

Mehr Bilder und Informationen zu dieser Version gibt es hier.

Wer das Muster nachweben möchte, findet eine ausführliche Anleitung in meinem Etsy-Shop /If you would like to weave this pattern yourself, a detailed pattern is available in my Etsy shop.

Literatur:
Nancy Spies, "Ecclesiastical Pomp & Aristrocatic Circumstance", Maryland 2000
Muster: Version 1: Nancy Spies
Version 2: eigener Entwurf
Version 3: eigener Entwurf